Nachgetragen … Kritik, Kommentare, Lesestoff …

ÜBER DIE MODERNEN MÄRCHENERZÄHLER

Eine etwas bissige, aber überfällige Kritik auf den Kommentar „ICH IN DER RATTE“ von Johann Grolle in DER SPIEGEL Nr. 18, 28.04.2018, S. 102.

SPIEGEL-Mitarbeiter Johann Grolle hat Physik studiert. Ich habe großen Respekt vor dieser Wissenschaft, die den Grundlagen unserer Welt von allen Wissenschaften am nächsten kommt. Aber so wie ich als Arzt nicht wagen würde, über Ergebnisse der Physik Kommentare zu schreiben, so würde ich mir wünschen, daß Johann Grolle zumindest seriös recherchieren würde, bevor er Kommentare zum Thema Hirnforschung schreibt. Den Physiker Johann Grolle respektiere ich, seine bioethischen Exkursionen jedoch nicht.

Worum geht es?

Johann Grolle beschwört ein erstaunlich naives Horrorszenario. Die Rede ist von der Implantation menschlichen Hirngewebes in Ratten und von humanen Hirn-Organoiden. Letztere sind nichts anderes als eher mäßig strukturierte, winzige ‚Zellhaufen’ menschlichen Hirngewebes, in Grolles Beispiel gezüchtet aus Stammzellen schizophrener Gehirne. So weit so gut. Dann aber läßt Grolle den Vorschlaghammer fallen und fragt: Werden die Hirn-Organoide eines Tages „selbst-bewusst“? Seine Antwort: „Ein schlichtes Ja oder Nein gibt es da nicht“!

Man kann sich dieser auf bizarre Weise abwegigen Vorstellung nur mit Ironie nähern, will man Grolles Märchenstunde etwas anschaulicher gestalten, etwa so: Da leiden dann vielleicht diese armen, humanen Hirnzellen vor sich hin, als Hänsel und Gretel eingeschlossen in ein Rattenhirn, und trauern ihrer verlorenen, menschlichen Existenz nach ?

Grolle übersieht bei seinem Horrorausflug eine essenzielle Voraussetzung für „Selbst-(Ich-)-Bewusstsein“: Die komplexe, sensorische Wahrnehmung von Außenwelt und Innenwelt. Erst die permanente Gegenüberstellung dieser Informationen von innerhalb und außerhalb des eigenen Körpers kann im Gehirn Ich-Bewusstsein erzeugen, nämlich die Eigenwahrnehmung in Abgrenzung zur Außenwelt. Die höchst komplexe, neuronale Ausstattung aber, die hierfür nötig ist, erfordert sensorische Organe (Augen, Ohren, Gleichgewichtsorgan, Riechorgan) sowie somato-viszerale Sensibilität, deren Informationen über funktional organisierte Nervenverbindungen spezifischen Neuronen übermittelt werden. Die müssen dann diese Informationsflut zu einem emotional gefärbten Gesamtbild verarbeiten und für eine solide Konstituierung des eigenen „Ich“ speichern.

Diese Voraussetzung für die Bildung von Ich-Bewusstsein ist in der überaus simplen Organisation eines sog. Organoids nicht mal ansatzweise vorhanden. Selbst wenn diese humanen Nervenzellen in das Rattengehirn funktionell integriert würden, würden sie in die Wahrnehmungswelt der Ratte integriert, ganz sicher aber kein hiervon losgelöstes, eigenes Ich-Bewusstsein entwickeln. Das kann nur der komplexe Organismus, einzelne Nervenzellen können es nicht.

Ulrich Bahnsen sieht das in ZEIT ONLINE v. 18.04.2018 schon deutlich realistischer als sein Kollege vom SPIEGEL. Er zitiert den „Minibrain-Pionier“ Jürgen Knoblich. Danach weist dieser wie die meisten seiner Fachkollegen die Idee, Organoide könnten eines Tages denken, weit von sich: “Die Nervenzellen sprechen durchaus miteinander [soll heißen: sie tauschen elektrische Signale aus; Anmerkung des Autors]. Aber über Bewusstsein oder Denken auch nur zu spekulieren ist absurd. Emotional ist das verständlich, rational nicht gerechtfertigt.” So weit Prof. Dr. Jürgen Knoblich vom Institut für Molekulare Biotechnologie, Wien.

Ähnliche Einwände gelten für die (nach Grolle) angebliche Herstellung „schizophrener Gehirne“ durch Züchtung von Hirn-Organoiden aus Hirngewebe schizophrener Patienten. Originalton Grolle: „Wird schon gemacht“! Auch hier übersieht er die enorme Komplexität, die sich hinter der Diagnose „Schizophrenie“ verbirgt. Das fragliche Hirn-Organoid kann evtl. einige biochemische Abweichungen erkennen lassen, die nach heutigem Kenntnisstand typische Merkmale der Schizophrenie sind und Ansatzpunkte für die medikamentöse Therapie liefern. Mehr nicht. Ein „schizophrenes Gehirn“ wird daraus schon deswegen nicht, weil hierfür ein Individuum mit Bewusstsein die Voraussetzung wäre. Siehe oben!

Dennoch machen solche experimentellen Ansatzpunkte wissenschalftlich Sinn, um Detailfragen zu klären. Mit „Ich in der Ratte“ jedoch hat das alles nichts zu tun! Diese fatal falsche Etikettierung im Kommentar von Johann Grolle induziert in der Öffentlichkeit eine völlig fehlgeleitete, für die Wissenschaftspolitik höchst gefährliche Ethikdebatte. Gleichwohl kann man die ethischen Implikationen dieser Thematik natürlich diskutieren und ihr die Bedeutung zukommen lassen, die ihr realistischerweise gebührt. Nicht weniger, aber eben auch nicht mehr!

Anmerkung am Rande: DER SPIEGEL hat seinen Mitarbeiter Grolle geschützt und den Abdruck einer kritischen Replik abgelehnt, wohl wissend, daß die Mehrzahl seiner Leser als Laien auf dem Gebiet der Neurobiologie Grolles Horrormärchen möglicherweise für bare Münze nehmen. Ich nenne das eine de facto-Meinungsmanipulation, egal ob gewollt oder nur aus Naivität.

Wenn andere SPIEGEL-Artikel ähnlich ‚seriös’ recherchiert werden, kann man sich die wöchentlichen 5,10 € getrost sparen! Noch besteht Hoffnung – dennoch: Diese Art von Journalismus ist des SPIEGEL unwürdig!

Wolfgang Kromer, publiziert mit Titel “Verirrungen in der Bioethik”, Forum Wissenschaft 3, 49-50 (2018)

That’s tricky! Aber: Bücher sind Freunde, und Lesen kann das Verständnis beflügeln. Deshalb hier meine Favoriten als eine sehr subjektive Empfehlung, Stand 2018:

Amann, Jürg: Die Reise zum Horizont (Haymon Verlag)

Bakker, Gerbrand: Oben ist es still (Suhrkamp)

Baricco, Alessandro: Seide (Piper)

Baricco, Alessandro: Ohne Blut (Hanser)

Bjerg, Bov: Auerhaus (Blumenbar)

Bucay, Jorge: Komm, ich erzähl dir eine Geschichte (Fischer)

Christensen, Lars Saabye: Nachtschatten (btb Verlag)

Donovan, Gerad: Winter in Maine (Luchterhand)

Düffel, von, John: Vom Wasser (dtv)

Flašar, Milena Michiko: Ich nannte ihn Krawatte (Wagenbach)

Goldsworthy, Peter: Maestro (Deuticke)

Grill, Evelyn: Winterquartier (Suhrkamp)

Haushofer, Marlen: Die Wand (List)

Haushofer, Marlen: Die Mansarde (Claassen)

Helfmann, Kornelia: Abgetreten (Knaus)

Hosseini, Khaled: Drachenläufer (Berlin Verlag)

Ikonomou, Christos: Warte nur, es passiert schon was (C.H. Beck)

Koch, Erwin: Nur Gutes (Nagel & Kimche)

Koch, Herman: angerichtet (Kiepenheuer & Witsch)

Krien, Daniela: Irgendwann werden wir uns alles erzählen (Graf)

Krien, Daniela: Muldental (Graf Verlag)

Kromer, Gabriele: Manche Hunde fliegen (Strube Verlag München)

Kromer, Gabriele: Vögel singen barfuß (Strube Verlag München)

Kumpfmüller, Michael: Die Herrlichkeit des Lebens (Kiepenheuer&Witsch)

Kurbjuweit, Dirk: Angst (Rowohlt)

Nors, Dorthe: Handkantenschlag (Osburg)

Ott, Karl-Heinz: Endlich Stille (dtv)

Pehnt, Annette: Lexikon der Angst (Piper)

Petterson, Per: Im Kielwasser (Hanser)

Reza, Yasmina: Glücklich die Glücklichen (Hanser)

Sigurdsson, Sigurjón B. (Sjón): Schattenfuchs (S. Fischer)

Stefánsson, Jón Kalman: Himmel und Hölle (Reclam)

Trojanow, Ilija: Der Weltensammler (dtv)

Uhlman, Fred: Der wiedergefundene Freund (Diogenes)

Ullmann, Linn: Gnade (Droemer)

Vanderbeke, Birgit: Das Muschelessen (Piper)

Waldis, Angelika: Die geheimen Leben der Schneiderin (Kein & Aber)

Weiss, Thomas: Folgendes (Steidl)

White, Kenneth: Der blaue Weg (Arche)

Zelter, Joachim: untertan (Klöpfer & Meyer)